700 WhatsApp-Nachrichten vor dem Frühstück

Rund 300 Zuschauer lauschten gespannt dem Vortrag von Moritz Becker. Der Medienexperte gab einen spannenden und lustigen Einblick in die Medienwelt von Kindern und Jugendlichen.

Einen kurzweiligen Abend erlebten die rund 300 Zuschauer am Donnerstag in der Aula der Heinrich-von-Kleist-Schule, die zum Vortrag von Moritz Becker gekommen waren. Mit dem Thema „Was geht uns Eltern das an?“ tauchte Becker in rund zwei Stunden in die Social-Media-Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen ein und gab interessante Einblicke in die Nutzung von Facebook, Snapchat oder WhatsApp. „Eltern und Lehrer haben heute das Problem, dass sie selbst eben nicht gelernt haben, wie man als Kind oder Jugendlicher mit Smartphones und sozialen Netzwerken umgeht“, erklärte Becker dabei. Darum sei es für viele Eltern auch völlig unverständlich, wie man als Achtklässler bereits morgens vor dem Frühstück rund 700 WhatsApp-Nachrichten haben kann. „Dabei ist das in einem umtriebigen Klassenchat in einem achten Jahrgang keine Seltenheit. Da werden Fragen geklärt, wie man geschlafen hat, was man anziehen soll, oder auch ob eine Stunde ausfällt“, so Becker. Für viele Eltern sei das unvorstellbar, für die meisten Jugendlichen heute normaler Alltag.


Intensiv beschäftigte sich Becker mit der Frage, wie Eltern auf die intensive Nutzung der sozialen Netzwerke reagieren können. Dabei machte der Medienexperte wenige Hoffnungen, dass sich diese Entwicklung aufhalten oder umdrehen lassen. „WhatsApp gibt es in dieser Größenordnung seit knapp fünf Jahren. Fast jeder Jugendliche nutzt es. Das nächste große Ding wird Snapchat, das bereits jetzt in den Startlöchern steht“, erklärte Moritz Becker dem Publikum. „Diese Programme oder auch Smartphones generell aufhalten oder verbieten zu wollen, funktioniert nicht.“ Als Beispiel erzählte Becker von einem Achtklässler, auf dessen Smartphone die Eltern eine Schutz-App installiert hatten, mit der Folge, dass dieser Achtklässler der einzige Schüler war, der nicht im WhatsApp-Klassenchat vertreten war. Die Lösung der Klasse war dann, ein altes Iphone zu kaufen und mit einer Aldi-Simkarte auszustatten. „Somit hatte der Junge dann zwei Handys: Eins zum Kontrollieren für die Eltern und eins, das er benutzt hat“, erzählte Becker. Am schlimmsten musste dabei für den Jungen gewesen sein, dass er ein Smartphone eben immer vor seinen Eltern geheim halten musste. „Dabei hätte er ihnen vielleicht gerne etwas aus seinem Schulalltag und er WhatsApp-Gruppe erzählt.“


Becker warb stattdessen dafür, dass die Eltern sich offensiv mit dem Thema auseinandersetzen sollten. „Das schlimmste ist, wenn Eltern einfach sagen, dass es Ihnen egal ist, was die Kinder in den sozialen Netzwerken machen. Ein häufiger Grund ist auch, dass das zu anstrengend ist und Eltern keine Lust darauf haben.“ Wenn man aber zum Beispiel mit seinen Kindern einmal darüber spreche, welche Bilder man bei Facebook oder Instragram hochlade, wer die Profile sehen könnte und wie viele Likes man für Kommentare oder andere Inhalte bekommen hat, dann baue sich auch Vertrauen auf. „Sie können ihre Kinder im Internet nicht kontrollieren. Das ist unmöglich. Vertrauen Sie also ihren Kindern und sorgen Sie dafür, dass die Kinder sich auch Ihnen anvertrauen. Dann bewegen Sie sich auch sicher in den sozialen Netzwerken“, schloss Medienexperte Becker. Eingeladen worden war er übrigens vom Arbeitskreis gegen sexuelle Übergriffe auf Kinder, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert.